Die Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit des Nationalrates hat vor einer Woche eine Motion zuhanden des Nationalrates eingereicht, in der gefordert wird, dass künftig eine Psychotherapie nur noch durch Psychiater:innen nach einer entsprechenden Diagnosestellung angeordnet werden solle. In der Motion wird der Kostenanstieg in der Grundversicherung damit begründet, dass zu viele «Symptome ohne Krankheitswert «therapiert»» würden. (Nur schon die Tatsache, dass in der Motion das Wort therapiert in Anführungszeichen geschrieben wird, empfinde ich als Affront an unsere Arbeit.)

Dass die Kosten seit der Einführung des Anordnungsmodells im Juli 2022 gestiegen sind, ist eine Tatsache und auch, dass ein Teil dieser Mehrkosten darauf zurückzuführen ist, dass der Zugang zur Psychotherapie für viele Menschen erleichtert wurde. Der erleichterte Zugang zur Psychotherapie war mitunter ein Grund für den Systemwechsel und aus unserer Sicht eine erfreuliche Entwicklung. Gerade Menschen mit geringerem sozioökonomischem Status und hoher psychosozialer Belastung scheinen laut einer Evaluation des BAG von der Neuerung zu profitieren. Dies wird in der Diskussion um den Kostenanstieg leider komplett vernachlässigt. Auch über den Fakt, dass ein Teil der Mehrkosten darauf zurückzuführen ist, dass deutlich weniger Fachpersonen über die Zusatzversicherung abrechnen, wird nicht gesprochen. Wir dürfen davon ausgehen, dass die Ausgaben der Zusatzversicherungen – zwar nicht im gleichen Masse, aber dennoch erheblich – gesunken sind. Weiter wird der Tatsache, dass Depressions- und Angstsymptome und damit die Inanspruchnahme von Psychotherapie auch im Zusammenhang mit der zunehmenden Verunsicherung durch die aktuelle Weltlage und die lokalen und globalen Krisen gestiegen sind, unabhängig vom Modell, in der Diskussion um die Gesundheitskosten keine Rechnung getragen.

Dass eine Psychotherapie die WZW-Kriterien (Wirksamkeit, Zweckmässigkeit und Wirtschaftlichkeit) erfüllen soll, ist unbestritten. Die psychologische Psychotherapie ist jedoch schon heute stark reguliert. Einerseits dürfen nur eidgenössisch anerkannte Psychotherapeut:innen über die Grundversicherung abrechnen, und mit der Zulassung der Tätigkeit zulasten der Grundversicherung verpflichten sie sich, nach den WZW-Kriterien zu arbeiten und damit auch die Gelder der Versicherung verantwortlich einzusetzen. Andererseits sind heute schon unsere ärztlichen Kolleg:innen involviert beim Ausstellen der ersten Anordnung sowie beim Antrag auf Verlängerung einer Therapie.

Auch heute schon ist stark reguliert, wer eine Anordnung ausstellen kann: Hausärzt:innen, Pädiater:innen und Psychiater:innen. Die Motion fordert, dass künftig nur noch Psychiater:innen eine Therapie anordnen dürfen, nachdem sie eine «gesicherte medizinische Diagnose» gestellt haben. Die Kapazität psychiatrischer Fachpersonen ist vielerorts bereits an der Grenze. Klient:innen warten häufig Monate auf einen Termin. Gerade im Kinder- und Jugendbereich zeigt sich dieses Problem sehr deutlich. Die Kompetenzen von Psychiater:innen sollten für andere wichtige Aufgaben eingesetzt werden als für die Indikationsstellung einer Psychotherapie, die auch andere Berufsgruppen vornehmen könnten. Zudem kann eine «gesicherte medizinische Diagnose» oft nicht in einem einzigen Gespräch gestellt werden, sondern häufig im Laufe eines therapeutischen und diagnostischen Prozesses.

Aus unserer Sicht ist diese Motion ein Versuch auf eine Entwicklung zu reagieren. Dies wird aber wahrscheinlich mehr Probleme als Lösungen bringen.

Aktuell laufen ein Appell und eine Petition gegen die Motion. Beide sind gestützt von Psychiater:innen, Psychotherapeut:innen, anderen Gesundheitsfachpersonen und Politiker:innen, von Personen aus der FSP, dem SBAP und weiteren Personen, die sich mit dem Gesundheitssystem auseinandersetzen.

Unterzeichnen auch Sie den Appell und die Petition, falls Sie dies nicht bereits getan haben.

Appell Psychische Versorgung stärken, nicht neue Hürden schaffen

Petition Zugang zur Psychotherapie sichern: Hilfe statt Hürden

Anna Beer, Co-Präsidentin Systemis, Kommunikation