SYSTEMIS
Systemischer Ansatz
Der Systemische Ansatz ist eine bestimmte Art, die Welt zu sehen und zu beschreiben. Auf der Grundlage von zentralen Erkenntnissen aus verschiedenen natur- und geisteswissenschaftlichen Systemtheorien wurden für Psychotherapie, Therapie und Beratung, Coaching und Supervision eigenständige Theorien, Methoden und Interventionen entwickelt, um Menschen und Teams in ihrer Entwicklung zu unterstützen.
Im Folgenden werden Grundzüge des Systemischen Ansatzes in einem Fliesstext beschrieben. Die relevanten Theoriebezüge, ihre Terminologie und ihre Einflüsse sind der Lesbarkeit zuliebe weiter unten tabellarisch aufgelistet.
Im Systemischen Ansatz unterteilen wir die Wirklichkeit, wie wir sie wahrnehmen, in einzelne Bereiche, die für uns von der Umwelt sinnvoll abgrenzbar sind. Im Fokus stehen dabei, je nach Interesse, eher die Eigenschaften dieser Elemente oder die Wechselwirkungen zwischen ihnen, häufig beides. In einem systemisch begleiteten Unterstützungsprozess wird jeweils gemeinsam definiert, was das relevante System in Bezug auf die eingebrachten Anliegen ist. Das System liegt sozusagen im Auge des/der Bertrachter:in. So kann sich beispielsweise in unterstützenden Gesprächen mit einem Mann zeigen, dass für seine gewünschte Entwicklung seine Beziehung zu seinem Vater ein wichtiges Subsystem ist. Dabei können sowohl die jeweiligen inneren Prozesse der Personen als auch das «Dazwischen», die Kommunikation untereinander, betrachtet werden. Es wird nicht von einer einseitigen linearen Beeinflussung ausgegangen, sondern von zirkulären Prozessen. Man kann in dieser Perspektive also nicht vereinfacht sagen, «dieser Mann ist so geworden, weil der Vater dies oder das gemacht hat», sondern die Personen und Beziehungen entwickeln sich in komplexen gegenseitigen Wechselwirkungsprozessen.
Ein weiterer zentraler systemischer Gedanke liegt im Streben der Systeme, sich selbst zu erhalten und zu reproduzieren. Dafür bilden sie regelhafte Prozesse im Sinne von Ordnungen oder Mustern aus und neigen dazu, diese zu stabilisieren. Auf biologischer Ebene wäre dies zum Beispiel eine Zelle, deren Stoffwechselprozesse auf den Erhalt, die Abgrenzung zur Umwelt und auf die Reproduktion der Zelle ausgerichtet sind. Aber auch auf menschlicher und zwischenmenschlicher Ebene bilden sich Muster aus. Häufig erleben wir das so, als ob sich gewisse interne Reaktionsmuster «verselbstständigen» oder in Beziehungen bestimmte Dynamiken gefühlt immer gleich ablaufen. Zum Beispiel ist es in der Bearbeitung eines eingeschliffenen Paarkonflikts häufig hilfreicher, wiederkehrende Interaktionszusammenhänge zu ergründen als den konkreten Inhalt eines Streits. Gleichfalls werden beispielsweise in einem Team oder einer Schulklasse über Feedbackschlaufen fortlaufend diejenigen Regeln reproduziert, welche von den Beteiligten als hilfreich oder notwendig für den Fortbestand des Systems angesehen werden. Dies können zum Beispiel Glaubenssätze darüber sein, wer dazugehört und wer nicht, was richtig oder falsch, gut oder böse ist.
Neben solchen Tendenzen, gewisse Abläufe und Regeln aufrechtzuerhalten, müssen Systeme auch Einflüsse aus einer sich ständig verändernden Umwelt aufnehmen und selber Veränderungen vornehmen, um bestehen zu bleiben. Anstoss für Veränderung ist dabei eine Unterschiedsbildung im Sinne der Verarbeitung einer neuen Information.
Dies ist zum Beispiel der Fall, wenn ein bisher ausschliesslich negativ bewertetes Symptom oder Verhalten eine zumindest teilweise positive oder Sinn-volle Neubewertung erfährt. Was zu einer anderen wichtigen Grundannahme systemischen Arbeitens führt: Weil Sinn- und Bedeutungsgebung ein fortlaufender wechselseitiger Einigungsprozess der Beteiligten ist, wird alles Erleben und Handeln erst im Kontext verstehbar. Beschreibungen von vermeintlicher Wirklichkeit sind daher nicht wahr oder falsch, sondern das Resultat einer solchen Einigung und jeweils geprägt von den Eigenschaften der beobachtenden Personen und der Austauschdynamik zwischen ihnen. Dieser Zugang ermöglicht es, leidvoll erlebte Dynamiken als Kompetenz, als wertschätzbaren Lösungsversuch oder gar als adäquate Lösung für bestimmte Ziele unter bestimmten Lebensbedingungen in einer bestimmten Lebensphase zu verstehen. Dies im Gegensatz zu Beschreibungen als «Störung», «Inkompetenz», «Versagen», «Krankheit», «Defizit» oder ähnlich. Mit einer solchen Änderung der Bewertung wird ein Unterschied in der bisherigen Ordnung eingeführt, welcher erstaunliche Auswirkungen auf andere Elemente des Erlebens, zum Beispiel auf die Befindlichkeit, haben kann.
Häufig generiert ein System auch durch einen Impuls von aussen eine neue Information, welche im Unterschied zu Bisherigem steht. In der Verarbeitung der Einflüsse aus dem Umfeld bleibt ein System dabei jeweils an seine «innere Logik», seine Art der Informationsverarbeitung gebunden. Zentral für systemische Unterstützungsformate ist daher die Frage, wie neue Impulse möglichst anschlussfähig angeboten werden können. Hier hat sich ein breites Methodenrepertoire entwickelt, welches tendenziell auf die Erweiterung der Wahrnehmungs- und Handlungsmöglichkeiten abzielt. Bewährt haben sich beispielsweise bestimmte Fragetechniken oder ein Wechsel von eher sprachlich linear rationalen Beschreibungen zu eher metaphorischen. Voraussetzung für das Gelingen solcher Angebote ist immer eine kooperative, wertschätzende und respektvolle Beziehung auf Augenhöhe. Ein Thema möglicherweise zum ersten Mal gemeinsam im Rahmen einer zugewandten und wertschätzenden Beziehung und Atmosphäre anzuschauen, ist häufig bereits eine sehr wirksame Unterschiedsbildung im System. Da Veränderungen in Systemen im Sinne von Übergängen von einem Zustand in einen anderen häufig von instabilen Phasen begleitet werden – unter Umständen auch gekennzeichnet durch Zunahme unliebsamer Symptome – versuchen systemische Unterstützungsformate häufig über die Schaffung von Sicherheit und Stabilität die nötigen Rahmenbedingungen für solche Musterveränderungen anzubieten.
Je nach Gleichgewichtszustand des Systems und Passung der angebotenen Information können in Systemen zum Teil auch minime Veränderungen im Muster zu erstaunlichen und nicht vorhersehbaren Zustandswechseln führen. So kann es beispielsweise sein, dass Menschen eine unbedeutend erscheinende Verhaltensänderung oder eine etwas andere Bewertung einer Situation als Ausgangspunkt für eine grosse Veränderung erleben.
Die Systemische Beratung und Therapie ist eine der grossen Beratungs- und Therapieströmungen und ist sowohl bei der Standesorganisation der Ärzte und Ärztinnen (FMH) als auch bei der Föderation der Schweizer Psychologinnen und Psychologen (FSP) als wissenschaftlich fundierte Psychotherapiemethode anerkannt. Systemische Psychotherapie ist krankenkassenanerkannt.

SYSTEMIS
Systemtheoretische Grundlagen
Die Entwicklung lässt sich grob unterteilen in eine Phase der Kybernetik 1. Ordnung (ca. 1950-1980) mit Theorieentwürfen zu von aussen objektiv beobachtbaren und gezielt beeinflussbaren Systemen, und in eine Phase der Kybernetik 2. Ordnung, in der von einer beobachtenden Instanz keine objektiven Aussagen über ein System möglich sind und Systeme als nicht direkt steuerbar gelten. Wichtige Einflüsse stammen aus Konzepten der Chaostheorie, der Entdeckung dissipativer Strukturen, dem Konzept der Autopoiese und dem Konstruktivismus.
(Ludwig von Bertalanffy, Walter Cannon)
- Kernaussagen: Systeme bestehen aus interagierenden Elementen und sind offen für einen Austausch mit ihrer Umwelt. Sie regulieren sich selbst und streben nach Homöostase (Gleichgewicht). Kybernetik wird als Steuerungslehre technischer und lebender Systeme verstanden. Die Angleichung von Ist- zu Soll-Zustand geschieht durch Zuführung von Information.
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Umsetzung in der Therapie/Beratung: Die Familie wird als System betrachtet, in dem jedes Mitglied eine Rolle spielt und Wechselwirkungen untereinander bestehen. Symptome werden nicht isoliert, sondern im Kontext des gesamten Systems verstanden. Es bestehen klare Vorstellungen zur Funktionalität eines Familiensystems und daraus werden Interventionen abgeleitet, wie ein Familiensystem von einem dysfunktionalen in einen funktionalen Zustand überführt werden kann.
(Norbert Wiener, Heinz von Foerster)
- Kernaussagen: Systeme steuern sich selbst durch Rückkopplungsmechanismen. In der «Kybernetik 2. Ordnung» wird der Beobachter selbst als Teil des Systems betrachtet.
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Umsetzung in der Therapie/Beratung: Der/die Therapeut:in/Berater:in kann nicht von aussen neutral beobachtend sein, sondern ist Teil des Therapie-/Beratungssystems und beeinflusst das System bereits durch die Beobachtung. Auch die Sicht des/der Therapeut:in/Berater:in ist eine Konstruktion. Es wird darauf geachtet, wie Kommunikation und Muster im System aufrechterhalten werden.
Ilya Prigogine entdeckte in der Chemie die «dissipativen Strukturen» (1967). Ähnliche Phänomene werden mit der Synergetik in der Physik (Hermann Haken 1984) und in der Chaostheorie beschrieben (James Gleick 1990, Jürgen Kriz 1992).
- Kernaussagen: Durch Fluktuation entstehen «wie von selbst» neue Ordnungen. Systeme entwickeln unter gewissen Rahmenbedingungen aus sich heraus «selbstorganisiert» neue Strukturen und streben nicht nur danach, alte Strukturen in einem Gleichgewicht zu stabilisieren. Ablösung des Begriffs Homöostase: Der Fokus liegt nicht mehr nur auf dem Gleichgewicht, sondern auf der Veränderung bzw. einem Phasenübergang in oft neue, überraschende Formen.
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Umsetzung in der Therapie/Beratung: Die Therapie/Beratung schafft insbesondere günstige Rahmenbedingungen für Veränderung und unterstützt dabei, neue stabile Muster zu finden. Kleine Veränderungen in komplexen Systemen können grosse, nichtlineare Auswirkungen haben («Schmetterlingseffekt»).
- Kernaussagen: in autopoietischen – selbstorganisierten – inneren Prozessen reproduzieren sich Systeme selbst. Sie sind operationell geschlossen, d.h. sie können innere und äussere Informationen nur nach ihren eigenen Strukturen und Prozessen verarbeiten. Lebende Systeme (z. B. Menschen, Familien) sind selbstorganisierend und erschaffen ihre eigene Realität («Wirklichkeit ist eine Konstruktion»).
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Auswirkungen auf Therapie/Beratung: Systeme sind nicht direkt beeinflussbar oder instruierbar. In der Therapie/Beratung können Systeme lediglich angeregt respektive Angebote gemacht werden. Leben ist eine Form von Erkennen, wir erschaffen die Welt durch unsere Wahrnehmung.
(Ernst von Glasersfeld & Heinz Förster)
- Kernaussagen: Erkenntnistheoretische Überlegungen zur Autopoiese (Selbstorganisation) lebender Syststeme: Wirklichkeit ist eine Konstruktion und wird durch den Akt der Beobachtung erst hervorgebracht.
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Auswirkungen auf Therapie/Beratung: Fokus auf Realitätskonstruktionen von Familien und deren Erweiterung. Die Therapie/Beratung unterstützt alternative Sichtweisen und neue Erzählungen zur Problemlösung.
(Niklas Luhmann)
- Kernaussagen: Soziale Systeme entstehen und erhalten sich durch Kommunikation. Menschen können nicht direkt in Systeme eingreifen, sondern nur deren Kommunikationsstrukturen beeinflussen.
- Auswirkungen auf Therapie: Therapie/Beratung fokussiert auf die Veränderung von Kommunikationsprozessen, nicht direkt auf Personen. Sprache und Erzählmuster stehen im Mittelpunkt.
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Gedanken zur Unterscheidung von «Systemischer Psychotherapie», «Systemischer Therapie», «Systemischer Beratung», «Systemischem Coaching» und «Systemischer Supervision»
Aus einer systemisch-konstruktivistischen Sicht machen klare inhaltlich-methodische Abgrenzungsversuche obiger Bezeichnungen wenig Sinn. Interessant ist aus dieser Perspektive eher, welche unterschiedlichen kontextspezifischen Einigungsprozesse zur Begriffsbildung stattfinden und zu welchen Definitionsversuchen dies jeweils führt.
In der Fachwelt ist eine genaue Unterscheidung der Begriffe umstritten und wird fortlaufend diskutiert. Namhafte Vertreter:innen des Systemischen Ansatzes verwenden insbesondere die Begriffe «Systemische Therapie»und «Systemische Beratung» synonym. Inhaltlich beziehen sich alle Unterstützungsformate auf systemische Theorien als Fundament, bedienen sich daraus entwickelter und somit ähnlicher Methoden und Verfahren und befruchten sich in der Praxis gegenseitig.
Unterschiede ergeben sich aus dem jeweiligen Arbeitskontext. Den jeweiligen Eigenlogiken dieser Handlungsfelder folgend, definieren Professionelle ihr Angebot dann beispielsweise im medizinischen Kontext und als Teil des Gesundheitssystems entlang der Unterscheidung krank/gesund als «Psychotherapie», während beispielsweise bei systemischen Unterstützungsprozessen in der Arbeitswelt eher von «Coaching» gesprochen wird. Je nach – auch institutionellem – Kontext bilden sich unterschiedliche Spezialisierungen und Differenzierungen systemischer Methodik heraus, beispielsweise entlang von Kriterien wie Alter der Klientel oder Schweregrad der Einschränkungen im Alltag oder auch thematisch, zum Beispiel im Bereich Gewalt und Trauma oder zivilrechtlichem Kindesschutz. Durch die Nachfrage solcher spezialisierten Unterstützungsangebote differenzieren sich wiederum entsprechende Kompetenzzentren.
Im Alltag werden insbesondere die Begriffe «Beratung», «Therapie» und «Coaching» häufig sehr ähnlich verwendet. Während «Coaching» in Deutschland klarer umrissen für Unterstützungsprozesse im Arbeitskontext definiert wird, wird der Begriff in der Schweiz noch weit offener verwendet. Etabliert scheint die Vorstellung, dass es einen graduellen Unterschied gibt im Grad des Leidens: Je nach «Problemtiefe» und Schweregrad der Einschränkungen im Alltag findet in dieser Vorstellung eine Bewegung auf der Skala von «Coaching» über «Beratung» zu «Therapie» und schliesslich «Psychotherapie» statt. Einer ähnlichen Logik folgen die Anforderungen an die Ausbildung der Professionellen: Diese sind für “Psychotherapie” höher als für «Coaching» und «Beratung».
Unter den erwähnten Bezeichnungen ist lediglich «Psychotherapie» ein geschützter Begriff. Von den erwähnten Formaten kann nur diese über die Grundversicherung der Krankenkasse abgerechnet werden. Durch diese Form der Finanzierung besteht ein öffentliches Interesse zur Regulation des Zugangs zu dieser Leistung. Dies geschieht unter anderem, in dem eine Problematik als Bündel von störungsspezifischen Symptomen mit Krankheitswert definiert wird. Ebenso ist ein klar vorgeschriebener Qualitätsstandard der Ausbildung von «Psychotherapeut:innen» definiert. Ähnliche Definitionsprozesse und Versuche der Qualitätssicherung finden im Feld der Sozialen Arbeit statt, wenn Unterstützungsformate im Bereich Coaching und Beratung, wie beispielsweise Sozialpädagogische Familienbegleitung oder Jugendcoaching, über die öffentliche Hand finanziert werden. In diesem Kontext müssen für eine Kostenübernahme schwierige Lebenssituationen in einer bestimmten Terminologie beispielsweise als «Erziehungsprobleme» definiert und beantragt werden.
Im Austausch mit Klient:innen zur Bezeichnung der Unterstützungsprozesse ist bei einer systemischen Herangehensweise wichtig herauszufinden, welche Bedeutung und welche Bezeichnung des Prozesses gute Voraussetzungen für eine gelingende Kooperation bieten. So ist es zum Beispiel durchaus möglich und sinnvoll, dass in systemischen Gesprächen mit einem Paar die eine Person den Prozess für sich als «Paartherapie» definiert, während die andere in ein «Coaching» geht.
Die Bezeichnungen «Beratung» und insbesondere «Coaching» scheinen sich – auch bei Menschen, welche aufgrund der Ausprägung ihrer Symptome Anspruch auf «Psychotherapie» hätten – auf der Suche nach Unterstützung zunehmender Beliebtheit zu erfreuen. Möglicherweise kann dies als Versuch verstanden werden, sich gegen die Vorstellung abzugrenzen, an einer psychischen Störung zu leiden, welche die Diagnosekriterien des ICD-10, resp. ICD-11 oder DSM-V TR erfüllt, und dadurch auch stigmatisiert zu werden. Dies wirkt sich wiederum auf den Versuch der Professionellen aus, Klient:innen adressatengerecht anzusprechen.
Eine klarere Unterscheidung und einheitlichere Verwendung sehen wir beim Begriff «Supervision»: Diese thematisiert berufliche Zusammenhänge für Einzelpersonen, Gruppen, Teams und Organisationen. Dabei werden je nach Auftrag Entwicklungsprozesse der Professionellen in ihrer jeweiligen Rolle, auf Team- oder Gruppenebene und in der Organisation angeregt.
Als Fachverband für den Systemischen Ansatz ist es Systemis Wunsch und Anliegen, dass sich unterschiedliche Strömungen und alle erfreulichen Entwicklungen nicht in konkurrierende Schulen oder Richtungen verzetteln, sondern sich gegenseitig stärken und zu einem modernen systemischen Rahmenkonzept befruchten.