Manche Trans*Personen berichten, dass sie bereits im Alter von vier Jahren wussten, dass das ihnen bei Geburt zugewiesene Geschlecht nicht ihrem inneren Empfinden entspricht. Manche schildern, wie sie mit einsetzender Pubertät und den körperlichen Veränderungen eine enorme Dysphorie erlebt haben, die nicht selten in Selbstverletzung, Suizidgedanken oder -handlungen resultierte. Viele haben Mobbing, Ausgrenzung und Unverständnis erfahren, wenn sie sich in der Jugend als trans* geoutet haben.
Eine adäquate Sprache, um das innere Erleben artikulieren zu können, ein unterstützendes Umfeld sowie eine behutsame, informierte fachliche Begleitung und im Bedarfsfall auch eine medizinische Behandlung haben häufig gefehlt. Wären diese Bedingungen gegeben, könnte viel Leid abgewendet werden. Wir wissen heute aus der Forschung, dass soziale Unterstützung sowie der Zugang zu inklusiver Behandlung bei Geschlechtsinkongruenz und Genderdysphorie protektive Faktoren für die mentale und körperliche Gesundheit von Trans*Personen sind.
Es ist mir daher ein Herzensanliegen, auf diesem Wege auf eine aktuelle politische Entwicklung in der Behandlung von Jugendlichen mit Geschlechtsinkongruenz aufmerksam zu machen. Deren Behandlung wird zunehmend zum Politikum.
Die neueste Forderung der Vorsteherin der Zürcher Gesundheitsdirektion, Nathalie Rickli, nach einem Verbot geschlechtsangleichender Operationen bei minderjährigen Trans*Menschen ist besorgniserregend und schürt Ängste bei Betroffenen und behandelnden Fachpersonen, dass dies nur der erste Schritt ist, hin zu einer weiteren, politisch/ideologisch motivierten Einschränkung der Behandlung von Trans*Menschen.
Unter Missachtung der geltenden AWMF-Leitlinien für die Behandlung von Jugendlichen mit Geschlechtsinkongruenz sowie der Empfehlungen der Nationalen Ethikkommission der Schweiz (2024) soll betroffenen Jugendlichen der Zugang zu einer geschlechtsangleichenden Operation verwehrt werden.
Auch bleibt in der Forderung unberücksichtigt, dass die psychische Gesundheit von Trans*Jugendlichen schlechter ist als die von cis-Gleichaltrigen. So haben Trans*Jugendliche ein mehrfach erhöhtes Suizidrisiko (je nach Quelle 5-bis 8-fach höher als bei Cis-Jugendlichen). Spezifische Risikofaktoren sind u.a. psychosoziale Stressoren aufgrund ihrer Gender-Nonkonformität, Diskriminierungserfahrungen, Transfeindlichkeit, Mobbingerfahrung, familiäre Probleme und fehlende soziale Unterstützung.
De facto werden Behandlungsschritte für Jugendliche mit Geschlechtsinkongruenz ausführlich, individuell und unter Einbezug von Bezugspersonen interdisziplinär gründlich abgewogen und geplant.
Die Fachgruppe Trans*, deren Mitglied ich bin und die sich für eine wissenschaftlich fundierte, vernetzte und sorgsame Behandlung von Trans*Menschen einsetzt, hat zum Vorstoss von Nathalie Rickli eine Stellungnahme veröffentlicht: Zur Stellungsnahme
Für diejenigen unter Ihnen, die sich interessieren, Trans*Menschen psychologisch, psychotherapeutisch oder psychosozial zu begleiten, sich aber noch unsicher sind und ihr Wissen und Können dafür erweitern wollen, verweise ich gern auf ein eintägiges Seminar, das ich zusammen mit meiner langjährig erfahrenen Kollegin Nahid Katla im wilob, Lenzburg, im Oktober 2025 anbieten werde.
Weil affirmative Behandlungsplätze rar und Psychotherapieplätze meist nur nach langen Wartezeiten zu erhalten sind, freuen wir uns über alle Kolleg*innen, die sich dem Thema nähern und dazu beitragen möchten, die Versorgung von Trans*Menschen in der Deutschschweiz zu verbessern.
Infos und Anmeldung hier
Henrik Bolz, eidg. anerkannter Psychotherapeut, praxis.bolz@hin.ch