KI wirkt auf viele noch wie ein abstraktes Zukunftsthema. Doch tatsächlich begegnet sie uns bereits im Alltag: wenn wir Sprache diktieren, Fotos durchsuchen oder mit ChatGPT arbeiten. Auch im Gesundheitswesen ist sie längst angekommen – etwa bei der Auswertung medizinischer Bilder oder der automatisierten Terminplanung.

In der Psychotherapie hingegen herrscht noch Zurückhaltung. Und das ist nachvollziehbar: Beziehung, Vertrauen, Intuition und Feingefühl lassen sich nicht automatisieren. Gleichzeitig stellt sich die Frage, ob und wie KI uns im Praxisalltag unterstützen kann, ohne die therapeutische Arbeit zu untergraben.

In den letzten Monaten hat dieses Thema spürbar an Relevanz gewonnen. Neugier und Innovationsfreude treffen auf Skepsis und ethische Bedenken. Viele Kolleg:innen fragen sich: Was kann KI in der Psychotherapie und Beratung leisten? Wo liegen ihre Grenzen? Und wie können wir als Fachpersonen einen verantwortungsvollen Umgang damit finden?

Mit diesem Beitrag möchte ich Orientierung bieten, erste Erfahrungen teilen und zur offenen Diskussion anregen. Als Psychotherapeutin, die ein KI-gestütztes Dokumentationstool einsetzt, sehe ich sowohl Chancen als auch Grenzen beim Einsatz von KI in der Dokumentation – und wünsche mir, dass wir als Berufsgruppe gemeinsam darüber ins Gespräch kommen.
Ich bin Teil des Teams von PlaynVoice und arbeite selbst therapeutisch. Mein Blick ist kein technischer, sondern ein praxisnaher: Ich suche nach sinnvoller Unterstützung in einem anspruchsvollen Berufsalltag.

KI in der Psychotherapie und Beratung – eine Entwicklung, die nicht an uns vorbeigeht

In der Medizin ist der Einsatz von KI längst etabliert, etwa bei der Auswertung von Röntgenbildern, der Risikoeinschätzung oder in der unterstützenden Diagnostik. Auch im Bereich psychischer Gesundheit gibt es erste Anwendungen: KI-gestützte Chatbots, digitale Screening-Tools oder automatisierte Sprachanalysen.

Für (systemisch orientierte) Psychotherapeut:innen und Berater:innen wirft das wichtige Fragen auf: Wie verändert KI den therapeutischen Prozess? Was bleibt unverzichtbar menschliche Kompetenz? Und wie können wir verantwortungsvoll mit den neuen Möglichkeiten umgehen?
Denn klar ist: KI kann Daten analysieren, aber sie kann keine Beziehung gestalten. Sie kann Muster erkennen, aber keine Bedeutung aushandeln. Sie kann Vorschläge liefern, aber keine Verantwortung übernehmen. Was wir als Therapeut:innen und Berater:innen leisten, ist nicht nur das Erkennen von Mustern, sondern das Verstehen von Bedeutungen im Beziehungskontext.

Und doch gibt es erste Einsatzfelder, in denen KI nicht ersetzt, sondern gezielt unterstützt. Ein Beispiel ist die Dokumentation – ein notwendiger, aber oft zeitaufwändiger Teil unseres Berufsalltags, der durch KI sinnvoll entlastet werden kann.

 Dokumentation – ein oft unterschätzter Belastungsfaktor

Vor allem Therapeut:innen aber auch Berater:innen verbringen einen erheblichen Teil ihrer Arbeitszeit mit Dokumentation und das häufig ausserhalb der eigentlichen Sitzungszeit: zwischen Terminen, am Abend oder am Wochenende. Was dokumentiert wird – ob Erstgespräch, Verlauf, Diagnostik oder Bericht – ist fachlich bedeutsam und mehr als reine Formalität. Doch gerade im dicht getakteten Praxisalltag wird sie schnell zur Belastung. Gleichzeitig trifft der grosse Bedarf an psychotherapeutischer und auch Gesundheitsversorgung vielerorts auf lange Wartezeiten und begrenzte Ressourcen – teils warten Klient:innen mehrere Monate oder sogar über ein Jahr. Umso wichtiger ist es, im Alltag mit der eigenen Zeit und Energie gut haushalten zu können.

Hier kann KI sinnvoll ansetzen. Nicht als Ersatz für therapeutisches respektive beraterisches Denken oder Handeln, sondern als strukturierte Unterstützung bei der Nachbereitung. Etwa durch die Erstellung von Berichten oder von Notizen anhand individuell wählbarer Vorlagen – immer mit dem Ziel, Zeit zu sparen, ohne die fachliche Verantwortung aus der Hand zu geben.

 Wie das konkret aussehen kann: Mein Erfahrungsbericht mit PlaynVoice

Seit einiger Zeit arbeite ich mit PlaynVoice, einer datenschutzkonformen, in der Schweiz entwickelten KI-Lösung speziell für Psychotherapeut:innen, die auch für Berater:innen eingesetzt werden kann.

So funktioniert’s:

  • Während der Sitzung höre ich bewusst zu, ohne mitzuschreiben. Mit Einwilligung der Klient:in wird das Gespräch aufgezeichnet. Die Anwendung ist eine browsergestützte Lösung, die direkt am Smartphone, Tablet oder Computer genutzt werden kann – ganz ohne App oder zusätzliche Software.
  • Die KI erstellt eine Transkription und daraus eine strukturierte Notiz, abgestimmt auf den gewünschten Formattyp (z. B. Verlauf, Erstgespräch).
  • Ich prüfe die Notiz, passe sie bei Bedarf an und übernehme sie in mein Dossier.

Ich arbeite mit PlaynVoice, weil es vollständig in Schweizer Rechenzentren betrieben wird, Daten ausschliesslich nach Schweizer Recht speichert und extra darauf trainiert wurde, Dialekte zu verstehen. Diese lokale Verankerung schafft zusätzliches Vertrauen, weil Klient:innen wissen, dass ihre sensiblen Angaben das Land nicht verlassen.

Was das in der Praxis verändert hat? Ich bin präsenter im Gespräch, habe mehr Raum für Reflexion und spare oft über eine Stunde pro Tag. Diese gewonnene Zeit nutze ich bewusst für diagnostische Vorbereitungen, kurze Pausen oder kollegialen Austausch.

Dass es sich dabei nicht nur um eine individuelle Entlastung handelt, zeigt sich auch in grösseren Einrichtungen, etwa in der Klinik im Hasel, Triaplus und PZM, wo die Dokumentation mit PlaynVoice grundlegend verändert wurde. Statt handschriftlicher Notizen und zeitintensiver Nachbearbeitung generiert die KI heute strukturierte Notizen direkt aus der Sitzung. Die Dokumentationszeit wurde signifikant reduziert, die Aufmerksamkeit während der Gespräche verbessert und die Zufriedenheit im Team ist deutlich gestiegen. Gerade in psychiatrischen Einrichtungen, wo die Zeit knapp ist und nicht jede Minute direkt abrechenbar, zeigt sich der Nutzen besonders deutlich: qualitativ, wirtschaftlich und organisatorisch.

Was KI (noch) nicht kann und warum das gut ist

So hilfreich die Technologie im Alltag sein kann – sie bleibt ein Werkzeug. Sie ersetzt keine therapeutische oder beraterische Präsenz, kein systemisches Denken, keine Intuition. Sie erkennt keine nonverbalen Signale, keine Ironie, keine Spannungen im Raum. Sie trifft keine Entscheidungen und übernimmt keine Verantwortung.

Daher gilt für mich: KI darf unterstützen, aber nicht ersetzen. Sie kann strukturieren, entlasten und erinnern – doch nicht deuten, begleiten oder Beziehung aufbauen. Zentrale Wirkfaktoren wie emotionale Resonanz, nonverbale Kommunikation und Intuition lassen sich nicht automatisieren. Der therapeutische Prozess bleibt menschlich und fachlich verankert.

Ob und wie sich digitale Systeme im therapeutischen und beraterischen Alltag bewähren, hängt entscheidend davon ab, wie wir Fachpersonen sie auswählen, einsetzen und kritisch begleiten. KI kann bei organisatorischen und administrativen Aufgaben wie Terminplanung oder Dokumentation eine wertvolle Unterstützung sein. Aber zentrale Wirkfaktoren der Therapie und Beratung leben von emotionaler Resonanz, Beziehungsgestaltung und dem Erfassen nonverbaler Signale. Genau hier stösst KI an ihre Grenzen. Besonders bei komplexen Veränderungsprozessen braucht es klinische Erfahrung, die Fähigkeit zur intuitiven Einschätzung und ein menschliches Gegenüber, das mit reguliert, spiegelt und schwierige Situationen mitträgt.

Und genau das ist auch mein Kriterium bei der Auswahl und Anwendung: Passt es zu meiner therapeutischen Haltung? Ergänzt es meine Arbeit oder stört es sie?

Datenschutz: Voraussetzung, nicht Randthema

Gerade im Umgang mit sensiblen Informationen ist Datenschutz keine Nebensache, sondern Grundvoraussetzung. Es gibt inzwischen KI-Tools, die speziell für den psychotherapeutischen Kontext entwickelt wurden, mit klaren datenschutzkonformen Standards. Damit KI im Bereich psychischer Gesundheit sinnvoll eingesetzt werden kann, braucht es klare Rahmenbedingungen und einen verantwortungsvollen Umgang:

  • Datenschutz: Personendaten müssen sicher verarbeitet werden – transparent und gesetzeskonform (z. B. DSG, DSGVO, Art. 321 StGB). Bei Tools wie ChatGPT ist diese Transparenz oft nicht gegeben – die Daten fliessen in die USA, die Weiterverwendung bleibt unklar.
  • Opt-out: Die Klient:in muss jederzeit die Möglichkeit haben, Bedenken einzuwenden, vor allem wenn bemerkt wird, dass es den Prozess stört.
  • Qualität: Inhalte und Empfehlungen müssen fachlich geprüft sein, idealerweise unter Einbezug von Psycholog:innen und Therapeut:innen.
  • Kontrolle: Fehler müssen erkennbar, Entscheidungen nachvollziehbar und Systeme überprüfbar sein. Eine KI darf keine Diagnosen stellen, ohne dass ein Mensch die Verantwortung trägt.

PlaynVoice, das ich selbst nutze, wurde in der Schweiz entwickelt und erfüllt aus meiner Sicht genau diese Voraussetzungen:

  • Hosting in der Schweiz mit verschlüsselter Datenverarbeitung
  • Keine automatische Speicherung ohne meine aktive Zustimmung
  • Volle Kontrolle bei der Therapeut:in/Berater:in – ich entscheide, was gespeichert wird
  • Transparenz gegenüber Klient:innen – sie wissen, was aufgenommen wird und dass keine Entscheidungen durch die KI getroffen werden.

Denn auch beim Einsatz digitaler Werkzeuge gilt: Die Verantwortung bleibt bei uns als Fachpersonen.

Fazit: Informiert entscheiden statt vorschnell ablehnen

KI wird bleiben. Die Frage ist nicht, ob sie Einzug in unsere Arbeitswelt hält, sondern wie wir ihr begegnen. Mit einer reflektierten Haltung, informierter Auswahl und einem klaren Bewusstsein für die Grenzen kann KI eine spürbare Entlastung im Praxisalltag sein.

Ich sehe KI nicht als Konkurrenz, sondern als Chance. Technologie war schon immer ein Weg, menschliche Arbeit zu ergänzen und weiterzuentwickeln. Es wird kein Entweder-oder, sondern ein Miteinander sein. Einige Anwendungsbereiche sind bereits heute klar und vermutlich werden in den kommenden Jahren noch viele weitere hinzukommen.

Vielleicht ist es an der Zeit, diese Entwicklung nicht länger nur skeptisch zu betrachten, sondern ihr mit fachlicher Neugier und kritischem Blick zu begegnen. Nicht als Ersatz für das, was uns als Therapeut:innen ausmacht, sondern als mögliche Ergänzung dort, wo sie sinnvoll ist.

 

Raffaela Witting, eidgenössisch anerkannte Psychotherapeutin mit eigener Praxis in Zürich und Teil des Teams von PlaynVoice. www.raffaela-witting.ch, www.playnvoice.ai