Geschichte einer Therapie

Hanna Berger schreibt über ihre schwierige Kindheit und sexuellen Missbrauch im ländlich-katholischen Milieu. Sie blickt zurück auf ihre Therapie. Das selbe tut ihr Therapeut Andreas Burri. Er ist Gründungsmitglied der SGS und langjähriges Vorstandsmitglied.
Daniel Krähenbühl, ehemaliger Präsisident von Systemis, hat das Buch für uns gelesen:

Hanna Berger erzählt in diesem Buch eindrücklich von ihrer traumatischen Kindheit, ihrer Therapie, ihrer Heilung und ihrer spirituellen Entwicklung. Die Darstellung ist offen genug, um deutlich zu machen, was sich in ihrer inneren und äußeren Welt abspielt, und diskret genug, um nicht aufdringlich zu wirken.

Die Ausführungen ihres system- und hypnotherapeutisch orientierten Psychiaters und Mitautors Andreas Burri und seines ebenfalls in psychiatrischer Praxis tätigen Kollegen im Interviewteil erweitern das Verständnis dessen, was Hanna Berger berichtet. Die lebensbejahende und zuversichtliche Grundstimmung des Buches hat sich beim Lesen unmittelbar auf mich übertragen, was angesichts des ernsten Themas bemerkenswert ist.

Die chronologische Darstellung des therapeutischen Prozesses gefällt mir gut, ebenso die Rückblenden in die Kinderjahre. Die Schilderung des sexuellen Missbrauchs und seiner Folgen sind von grosser Eindringlichkeit. Dies nicht nur deshalb, weil das destruktive Handeln der Täter ein abgründiges Mass erreichte, sondern auch, weil einige soziale Bezugspersonen, welche das Mädchen hätten schützen müssen, bis in tiefe Abgründe von Verirrung, Aberglauben und religiösen Wahnvorstellungen in die verhängnisvolle Geschichte verstrickt waren. Die Geschichte von Hanna Berger zeigt eindringlich, wie unerbittlich in der ländlichen katholischen Welt ihrer Kindheit angesichts von erlittenem und beobachtetem Unrecht das Gesetz des Schweigens galt.

Das Buch hat mein Verständnis dafür, was schwerer Missbrauch bei den betroffenen Menschen bewirkt, deutlich erweitert. Ein zentraler Aspekt der angerichteten seelischen Verwüstung ist die enorme Schwierigkeit, nach einer solchen Erfahrung anderen Menschen je wieder vertrauen zu können. Es ist eine besondere Stärke der ersten Kapitel, dass sie anschaulich machen, wie viele Ängste und Zweifel Hanna Berger zu überwinden hatte, bis sie sicher war, dass ihr Psychiater vertrauenswürdig ist. Was es ihr anschliessend bedeutet hat, einen fachlich kompetenten, verlässlichen, unerschrockenen, mitfühlenden und klardenkenden Therapeuten an ihrer Seite zu haben, schildert sie anrührend.

Die Autorin erzählt anschaulich davon, wie sie im Erwachsenenalter und vor allem auch während der Therapie von einigen ihr nahestehende Menschen liebevoll, geduldig und Mut machend begleitet und unterstützt wurde. Eindrücklich ist die Beschreibung des anstrengenden Weges zur Vergebung im Sinne von Loslassen.

Besonders lesenswert finde ich Hanna Bergers Schilderung ihrer spirituellen Entwicklung. Die Erfahrung, dass sie die den Sinnen nicht unmittelbar zugänglichen Aspekte der Welt stimmiger als mit den religiösen Ideen des ländlichen Katholizismus ihrer Kindheit erleben und verstehen kann, war für sie existenziell wichtig. Sie hat ihren Weg von der Religion zu einer freien Spiritualität beglückend und bereichernd erlebt.

Wie aus dem Interviewteil – besonders im letzten Beitrag – hervorgeht, hat auch der Mitautor und behandelnde Arzt Andreas Burri im Verlaufe dieser Therapie neue und tiefgreifende Erfahrungen gemacht und dabei eine spirituelle Weiterentwicklung erfahren.

„Hinter dem Schweigen wohnt die Verzweiflung“ ist ein sehr persönliches und berührendes Buch. Ich empfehle es mit Überzeugung.

Daniel Krähenbühl

Hanna Berger und Andreas Burri. Hinter dem Schweigen wohnt die Verzweiflung – Geschichte einer Therapie.
Europäische Verlagsgesellschaft GmbH, Zug 2018. ISBN: 978-3-03883-044-3.

Anschrift des Rezensenten:
Dr. med. Daniel Krähenbühl, FMH Psychiatrie und Psychotherapie, Widspüel 2, CH-6043 Adligenswil, daniel.k@hin.ch